Im Gespräch mit
Schäfer, Andreas Quindt

Schäfer Andreas Quindt über Tradition, Artenschutz und das Leben mit 300 Schafen in Tübingen

Seit acht Generationen ist die Schäferei Teil der Familie Quindt. Andreas Quindt führt den Betrieb gemeinsam mit seiner Mutter weiter – nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern aus Überzeugung. Im Gespräch erzählt der Schäfer vom Alltag zwischen Stadt und Weide, von der Bedeutung der Landschaftspflege und davon, warum Respekt vor der Natur heute wichtiger denn je ist.

Herr Quindt, Ihre Familie betreibt die Schäferei seit Generationen. War für Sie immer klar, dass Sie den Betrieb übernehmen würden?

Ja, eigentlich schon. Ich bin der Sohn von Marta Quindt, der Schäferin vom Österberg. Unsere Familie betreibt die Schäferei in Tübingen seit drei Generationen, insgesamt sind wir aber bereits die achte Generation einer Schäferfamilie. Ich habe zwar Geschwister, aber bei ihnen war das Interesse nie so ausgeprägt. Bei mir war dagegen früh klar, dass ich diesen Weg weitergehen möchte. Irgendwie scheint in jeder Generation einer dabei zu sein, der das Schäfersein im Blut hat – sonst hätte unsere Familie diesen Beruf wohl kaum so lange ausgeübt.

Wie groß ist Ihre Herde heute – und wie hat sie sich im Laufe der Zeit verändert?

Unsere Herde besteht überwiegend aus württembergischen Merino-Landschafen – sowohl weißen als auch schwarzen. Dazu kommen einige Suffolk-Kreuzungen und derzeit auch eine kleine Gruppe Bentheimer Schafe, die wir für meinen Onkel mitversorgen.

Welche Schafrassen halten Sie?

Derzeit halten wir im Jahresdurchschnitt knapp 300 Mutterschafe. Früher waren es deutlich mehr. Als ich ein kleiner Junge war, hatte mein Großvater rund 600 Mutterschafe, insgesamt also etwa 800 Tiere. Damals gab es in Tübingen noch drei Schäfereien. Mit der Zeit verschwanden sie nach und nach. Heute sind wir die letzte verbliebene Schäferei im Stadtgebiet.

Einige schon. Die Leitschafe und alle Flaschenlämmer bekommen Namen. Auch Tiere, zu denen eine besondere Geschichte gehört, werden benannt. Die meisten tragen aber lediglich ihre Ohrmarkennummer – das ist gewissermaßen ihr offizieller Name.

Eigentlich im gesamten Stadtgebiet von Tübingen. Unsere Weiden reichen vom Französischen Viertel über den Österberg, den Spitzberg bis hin zum Rotbad, zur Morgenstelle, Maderhalde, Sandhalde, zum Schnarrenberg, Steinberg und Buckenloh. Viele Menschen begegnen unseren Schafen beim Spaziergang, weil wir mitten in der Stadt unterwegs sind.

Nein, ganz sicher nicht. Der größte Teil unseres Einkommens stammt aus der Landschaftspflege. Wir übernehmen Pflegearbeiten für Wiesen und Naturschutzflächen und erhalten dafür Fördergelder vom Land Baden-Württemberg und der Europäischen Union. Dazu kommen Einnahmen aus dem Verkauf von Fleisch und in geringem Umfang aus der Wolle.

Ja, langsam wird die Situation wieder etwas besser. Während der Corona-Zeit wollte die Wolle praktisch niemand mehr haben. Teilweise wurde sie kostenlos abgeholt. Früher ging sie an Wollhändler, anschließend über Hamburg ins Ausland zur Reinigung, wurde in Osteuropa verarbeitet und schließlich oft in Nordafrika zu Stoffen weiterverarbeitet. Heute hoffen wir, dass regionale Verarbeitung wieder an Bedeutung gewinnt.

Die meisten reagieren sehr positiv. Viele freuen sich darüber, dass es überhaupt noch eine Schäferei mitten in einer Stadt wie Tübingen gibt. Was ich mir wünsche, ist vor allem mehr Respekt vor der Natur. Viele Wiesen werden heute als Freizeitflächen betrachtet. Dabei vergessen viele, dass sie Lebensraum für zahlreiche Pflanzen und Tiere sind und gleichzeitig landwirtschaftlich genutzt werden.

Gerade während der Vegetationszeit wünsche ich mir, dass keine Picknicks oder Feuerstellen auf den Wiesen eingerichtet werden und selbstverständlich kein Müll liegen bleibt. Es geht dabei gar nicht nur um meine Arbeit, sondern um den Schutz der Artenvielfalt.

Sehr gut. Der größte Verpächter ist die Stadt Tübingen. Weitere Flächen gehören dem Bund, dem Land oder Privatpersonen. Mit allen funktioniert die Zusammenarbeit ausgesprochen gut.

Wo grasen Ihre Tiere?

Wovon lebt eine Schäferei heute? Vom Verkauf von Fleisch und Wolle allein vermutlich nicht.

Die Wolle hatte in den vergangenen Jahren keinen guten Ruf als Einnahmequelle. Hat sich das geändert?

Wie oft werden Ihre Schafe geschoren?

Die meisten Ihrer Flächen sind gepachtet. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Eigentümern?

In Ländern wie Australien werden teilweise umstrittene Methoden wie das Mulesing angewandt. Ist das bei Ihnen ein Thema?

Kann man von einer Schäferei wie Ihrer leben?

Einmal im Jahr, meistens Ende Mai oder Anfang Juni. Da unsere Tiere den Winter möglichst draußen verbringen, scheren wir traditionell erst im Frühjahr. So sind sie besser vor Kälteeinbrüchen geschützt.

Viele Spaziergänger begegnen Ihren Schafen. Was wünschen Sie sich von den Menschen?

Nein. Meine Mutter ist inzwischen Rentnerin und betreibt die Schäferei im Nebenerwerb. Wenn ich den Betrieb vollständig übernehme, wird das ebenfalls nur im Nebenerwerb möglich sein. Mit einer Herde unserer Größe kann man heute keine Familie ernähren.

Dann nehmen wir es mit in den Stall. Meist handelt es sich um Zwillinge, bei denen eines von der Mutter verstoßen wird. Zunächst bekommt das Lamm eingefrorenes Kolostrum – also Erstmilch –, die wir immer vorrätig haben. Danach wird es mit Milchaustauscher aus der Flasche aufgezogen. Dann übernehmen wir praktisch die Rolle der Mutter.

Was passiert, wenn ein Lamm von seiner Mutter nicht angenommen wird?

Sie arbeiten mit Hütehunden. Welche Aufgaben übernehmen sie?

Nein. Solche Eingriffe spielen bei uns keine Rolle. In Deutschland gelten strenge Tierschutzvorschriften. Auch das Kupieren der Schwänze machen wir seit über 20 Jahren nicht mehr. Wir haben sogar festgestellt, dass Schafe mit vollständigem Schwanz weniger Probleme mit Fliegen haben und im Winter besser geschützt sind. Für mich gilt: Die Natur hat sich etwas dabei gedacht.

Haben Ihre Schafe eigentlich Namen?

Wir haben zwei Altdeutsche Hütehündinnen. Hündinnen sind oft ruhiger und im Umgang mit Menschen und anderen Hunden ausgeglichener – das ist im Stadtgebiet besonders wichtig. Außerdem liegt mir der Erhalt der alten deutschen Hütehundrassen am Herzen. Sie werden immer häufiger von Border Collies oder Australian Shepherds verdrängt.

Sie ist weit mehr als ein Beruf. Sie ist Familiengeschichte, Verantwortung und Naturschutz zugleich. Ohne Schäfer würden viele wertvolle Landschaften verbuschen und zahlreiche Tier- und Pflanzenarten ihren Lebensraum verlieren. Deshalb wünsche ich mir vor allem eines: mehr Wertschätzung – für unsere Arbeit und vor allem für die Natur selbst.

Wie viel Zeit investieren Sie in die Schäferei?

Unter der Woche verbringe ich jeden Abend etwa vier Stunden bei den Schafen. Am Wochenende sind es acht bis zehn Stunden pro Tag. Meine Mutter kümmert sich morgens ebenfalls täglich mehrere Stunden um die Tiere.

Wir betreiben die Weidehaltung bewusst etwas intensiver als viele andere Schäfereien. Unsere Schafe bekommen zweimal täglich frisches Gras. Das entspricht ihrem natürlichen Fressverhalten deutlich besser. Morgens suchen sie sich die besten Pflanzen, ruhen anschließend und möchten später erneut frisches Futter. Genau diesen natürlichen Rhythmus versuchen wir nachzuahmen.

Was bedeutet die Schäferei für Sie persönlich?

Kontakt

Navigation

Abonniere unseren Newsletter

Wolliges direkt
aus Tübingen

Social Media

©2026